Krisis und Kritik
Wir erleben eine Gegenwart der Krisen: Klimawandel, Pandemie, politische Radikalisierung, wachsende ökonomische Ungleichheit, Migration, digitaler Wandel und Kriege inmitten oder an den Grenzen Europas – diese Ereignisse und Entwicklungen zu analysieren, ihre Ursachen zu verstehen und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, ohne in eine leere oder gar überhitzte Krisenrhetorik zu verfallen, ist eine der gesellschaftlichen und intellektuellen Herausforderungen unserer Zeit. Auch Philosophie als Besinnung, Reflexion und Kritik ist hier gefragt – wird aber gleichzeitig in Frage gestellt hinsichtlich ihrer Relevanz für Meinungsbildung und Handlungsorientierung, sowie hinsichtlich ihrer eigenen Kategorien, die möglicherweise nicht (mehr) geeignet sind, die aktuellen Krisen zu erfassen.
Krisen und Krisendiagnosen sind freilich nichts Neues. 2025 jähren sich Edmund Husserls Wiener und Prager Vorträge „Die Philosophie in der Krisis der europäischen Menschheit“ zum neunzigsten Mal. Dies gibt Anlass, Phänomenologie als krisendiagnostische und kritische Denkbewegung in den Blick zu nehmen, und zwar sowohl im Hinblick auf ihre Geschichte – die ebenfalls kritisch zu beleuchten ist (Stichwort Eurozentrismus) – als auch im Hinblick auf ihr aktuelles systematisches Potenzial. Das Themenspektrum der Tagung reicht von der systematischen Analyse phänomenologischer Krisendiagnosen (Scheler, Arendt, Anders, Patočka u.a.) über den Kritikbegriff in der Phänomenologie und ihr Verhältnis zur Kritischen Theorie bis hin zu neueren Forschungen zu Husserls Krisenschrift und aktuellen systematischen Ansätzen phänomenologischer Forschung in den Bereichen politischer, klimaethischer, digitaler und technikphilosophischer Fragestellungen. Dies spiegelt sich in den Sektionen des Kongresses wider.
(Leitung: Prof. Dr. Sonja Rinofner-Kreidl)
Phänomenologische Krisendiagnosen werden im gesamten Spektrum individuellen und kollektiven Denkens und Handelns gestellt. Sie beziehen sich zum einen auf theoretische Kernfragen, etwa auf die Abgrenzung von Philosophie, Wissenschaft und Weltanschauung und zugehörige Formen des Umgangs mit Rationalitäts- und Vernunftkonzepten wie dies in Husserls Krisis-Schrift erörtert wird. Zum anderen geht es um ethisch- bzw. politisch-praktische Fragestellungen wie z. B. in Schelers Untersuchung der Wertumkehr als Bestandteil von Ressentiment-Bildungen oder in Arendts Analyse der Genozid-Schuldfrage im Kontext politischen Handelns. Was die inhaltlich breit gefächerten phänomenologischen Krisendiagnosen eint, ist die Verflechtung von kritischem Befund und Selbstpositionierung: Weltgerichtete Krisendiagnosen und Krisen der Phänomenologie sind genuin zusammengehörige Prozesse. Im Spiegel ihrer Krisendiagnosen schärft und unterscheidet sich das Selbstverständnis und die Identitätsfindung der Phänomenologie und ihr Potential an methodologischer Selbstreflexion. Dem soll in dieser Sektion im Lichte aktueller Problemlagen nachgegangen werden. Ziel ist, die Phänomenologie in theoretischen und praktischen Kontexten neu zu positionieren und im Zuge dessen einen (selbst)kritischen Blick auf Begriff und Rhetorik der Krise zu werfen.
Eingeladener Sektionsvortrag:
Inga Römer (Universität Freiburg): Phänomenologie der Krise, Krise der Phänomenologie
Der Beginn der phänomenologischen Bewegung lag in einer Krisendiagnose: „die Sachen selbst“ seien verloren gegangen. Husserl verstand seinen neuartigen philosophischen Ansatz als ein Heilmittel gegen diese Krise. Seitdem ist eine Vielzahl von Varianten dieser Krisendiagnose, ihrer jeweiligen Gründe und ihrer phänomenologischen Gegenmittel formuliert worden. Diese Entwicklung verschränkt sich jedoch mit einer zweiten, in der immer wieder eine Krise der Phänomenologie selbst behauptet wurde. Diese Krisen der Phänomenologie selbst haben sie wiederholt zu ihrer eigenen Erneuerung herausgefordert und sie zum Teil an die Grenzen der Selbstauflösung gebracht. Dieser doppelten Krisenbewegung wird im Vortrag nachgefragt: Wie verhält sich die Geschichte der durch die Phänomenologie konstatierten Krisen zu ihrer eigenen Krisengeschichte?
(Leitung: Prof. Dr. Sebastian Luft)
Sektion II widmet sich der Lebenswelt, ihrer Mathematisierung und Technisierung, wie sie in Husserls „Krisisschrift“ thematisiert wird. Darüber hinaus soll es um die Frage gehen, wie es sich mit der Krisis der Wissenschaften verhält: Welchen Anspruch hat die Phänomenologie in einer ausdifferenzierten Wissenschaftswelt, die ihre Grundlagenkrisen scheinbar hinter sich gebracht hat? Eingeladen wird sowohl zur Präsentation neuer Forschung zur Krisisschrift sowie zu einer Extrapolation der Frage, wie sich Technik und Lebenswelt zueinander verhalten. Dies kann am Beispiel digitaler Technologien, ebenso wie an szientistischen Welt- und Selbstvermessungen durchgespielt werden: Welche Rolle spielt die Lebenswelt im Zeitalter digitaler Technologien? Inwiefern ist sie eine Hybridwelt, die von Technologie durchdrungen ist?
Eingeladener Sektionsvortrag:
Emiliano Trizio (Universität Venedig): The hidden struggle of our age: objectivism vs. scientific philosophy
According to Husserl's diagnosis, if humanity is incapable of rising to the challenges posed by contemporary science and technology, this is due to the state of crisis of our culture. For this reason, the ubiquitous diffusion of modern technology is accompanied by the spread of the form of objectivism that has characterized European humanity since early modernity, that is the psycho-physical worldview or “the modern sense of ‘word’ a nature” (Husserl Hua XLII, 231-233). Arguably, the level of the deviation of our culture from its ideal form reaches its apex precisely in the disciplines that, according to Husserl, should guide humanity, namely the normative sciences of spirit, which have never seen the light of the day. In this presentation, I will argue that the thrust of Husserl’s critical analysis of Western culture consists in the claim that that the crisis of all our sciences is rooted in the crisis of philosophy itself, which, in turn, is due to the specific form of objectivism that undermined the modern ideal of a philosophical science based on absolute foundations.
(Leitung: Prof. Dr. Michela Summa)
Sektion III nimmt Ausgang von den ethischen und existenziellen Themen in der Krisisschrift Husserls und entwickelt sie darüber hinaus. Wie verhalten sich philosophische Krisendiagnose und ethischer sowie politischer Imperativ zueinander? Husserl verknüpfte seine Analysen bekanntermaßen sowohl mit existenziellen Themen als auch mit einem Rückgang auf die transzendentale Phänomenologie, was gleichzeitig deren Entfaltung zu einer Verantwortungsphilosophie markierte. Auch Arendt, Levinas, Derrida und Waldenfels plädieren aus unterschiedlichen Perspektiven für Verantwortung, während die französischen Existenzialist*innen wie Beauvoir und Sartre als Intellektuelle politisch aktiv waren. Wie ist eine solche Verantwortung angesichts gegenwärtiger Krisen zu denken?
Eingeladener Sektionsvortrag:
George Heffernan (Merrimack College): The Crisis of Human Existence and Transcendental Phenomenology: The Perennial Relevance of Husserl’s Sense-Reflections on the Infinite Task of Living a Meaningful Life
This paper examines ethical and existential aspects of Husserl’s concept of crisis in The Crisis of the European Sciences and Transcendental Phenomenology. The paper has five parts. Part One shows that there is not a binary opposition but rather a natural connection between transcendental phenomenology and existential phenomenology. Part Two provides a succinct survey of the several crises that Husserl describes in The Crisis, including the crisis of the sciences, the crisis of philosophy, the crisis of culture, the crisis of humanity, the crisis of existence, and the crisis of psychology. Part Three clarifies the existential crisis as a loss of the meaningfulness of science and of reason for life. Part Four addresses the ethical question concerning the responsibility of philosophy, which Husserl regards both as a rigorous science and as the science of science, in these crises. Part Five offers observations on what we can learn from Husserl’s perennially valid “sense-reflections” (“Besinnungen”) on the “infinite task” (“unendliche Aufgabe”) of living a meaningful life. As a whole, the paper poses the question: What is the practical responsibility of philosophers in the current crisis of philosophy?
(Leitung: Prof. Dr. Thiemo Breyer, Prof. Dr. Thomas Szanto)
Sektion IV setzt sich mit dem eurozentristischen Erbe der Krisisschrift und vor allem mit dem der „Wiener Vorträge“ auseinander. Was ist gegenwärtig für das phänomenologische Nachdenken über Europa geboten? Wie könnte Phänomenologie dazu beitragen, transnationale Solidarität angesichts von Migration neu zu fassen? Und wie ließen sich soziale Kohäsion und transeuropäische Identifikation jenseits nationalstaatlicher Grenzen oder etablierter Gruppenzugehörigkeiten denken? Wie ist mit dem kolonialen und eurozentristischen Erbe umzugehen? In den letzten Jahren ist das Anliegen, die Phänomenologie zu „dekolonisieren“ stärker vorangetrieben worden, was auch ein (immer wieder) neues Nachdenken über Europa notwendig macht. Gleichzeitig differenziert sich der interkulturelle Dialog und Polylog weiter aus. Was kann die klassische Phänomenologie von nicht-europäischen Zugängen lernen und welche neuen Formen des Phänomenologisierens ergeben sich dadurch (z.B. Africana Phänomenlogie)?
Eingeladener Sektionsvortrag:
Martina Ferrari (Villanova University): Between transcendental and historical critique: Grappling with phenomenology's colonial and Eurocentric legacy
TBA
(Leitung: Prof. Dr. Emmanuel Alloa, Prof. Dr. Lambert Wiesing)
Sektion V widmet sich den Krisen der Gegenwart und der Frage, welchen Beitrag phänomenologische Ansätze zu ihrer Analyse liefern können. Klimakrise und Ökologie, Krieg und Flucht, Migration und der politische bzw. populistische Umgang damit, Digitalisierung und die Krise von Sozialität und Öffentlichkeit – dies alles sind Themen, in denen klassische phänomenologische Zugänge und Analyseinstrumente sich neu erproben müssen. Kann die Phänomenologie mit ihrem generellen Ansatz, Phänomene und deren Strukturen ins Auge zu fassen, hier einen Beitrag leisten? Wie sehen diesbezügliche Methoden und Grenzen aus? Welche Fokusthemen wie Leiblichkeit, Sinnkonstitution, Erfahrungscharakter, Empathie, etc. spielen für gegenwärtige Krisenanalysen eine besondere Rolle und warum?
Eingeladener Sektionsvortrag:
Federica Buongiorno (Universität Firenze): Technisierung als Digitalisierung? Die algorithmische Kolonisierung der Rationalität aus phänomenologischer Perspektive
Im bekannten Paragraph 9 der Krisis der europäischen Wissenschaften, in dem die galileische Mathematisierung der Natur behandelt wird, führt Edmund Husserl den Begriff der Technisierung (Par. 9/g) ein, um eine Transformation der arithmetischen Methodik in eine „bloße Kunst, durch eine rechnerische Technik nach technischen Regeln Ergebnisse zu gewinnen“, zu bezeichnen. Dieser Prozess führt zu einer Mechanisierung des formal-mathematischen Denkens, das sich in ein „Denken mit verwandelten Begriffen, mit ‚symbolischen‘ Begriffen“ zu verwandeln tendiert. In dieser Tendenz liegt die Voraussetzung für die fortschreitende Verdeckung der Lebenswelt als „Sinnesfundament der Naturwissenschaften“ (Par. 9/h). In meinem Vortrag werde ich versuchen zu argumentieren, dass der von Husserl Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts beschriebene Technisierungsprozess, heute in der Tendenz zur algorithmischen und dataistischen Kolonisierung fortbesteht, die die Methoden der Wissensproduktion und -nutzung in digitalen Kontexten durchdringt. Ich werde aufzuzeigen versuchen, wie das rechnerische Paradigma, das sowohl die Programme der GOFAI (Good Old-Fashioned Artificial Intelligence) als auch die neuronalen Netzwerke des Deep Learning antreibt, eine immer komplexere Herausforderung für unsere Fähigkeit darstellt, über diese Programme nach Kriterien der (a) Erklärbarkeit; (b) Rechtfertigung; (c) Vertrauen Rechenschaft abzulegen. Laut dem französischen Technikphilosophen Bernard Stiegler, bedeutet dies einen entscheidenden Verlust an symbolischer Fähigkeit im phänomenologischen Sinne, also der Fähigkeit, algorithmische Verfahren auf die Vorgegebenheiten der Lebenswelt zurückzubeziehen.
Zum Abschluss meines Beitrags werde ich versuchen, Stieglers Urteil zu relativieren, indem ich einige vielversprechende Ansätze innerhalb der zeitgenössischen KI-Forschung aufzeige, die Entwicklungen in Richtung größerer Kontrollierbarkeit und intuitiver Verankerung eröffnen.
(Leitung: Prof. Dr. Thomas Bedorf, Prof. Dr. Matthias Flatscher)
Kritische Theorie und Phänomenologie haben, zumindest ihrem historischen Selbstverständnis nach, keine unmittelbar gemeinsame Agenda – das Verhältnis ist eher von schwierigen Auseinandersetzungen bis zur Ablehnung geprägt. Dennoch hat sich in den letzten Jahren v.a. in der anglo-amerikanischen Debatte eine Strömung namens „critical phenomenology“ entwickelt, die kritisch-aktivistische Momente mit phänomenologischer Theoriebildung verbinden will. Handelt es sich bei dieser Art einer „politischen Phänomenologie“ tatsächlich um einen gegenüber den bekannten Phänomenologien neuen Ansatz? Wie „kritisch“ ist das Verhältnis zur sog. klassischen Phänomenologie? Wie steht es überhaupt mit einer Klärung der Begriffe „Phänomenologie“ und „Kritik“?
Eingeladener Sektionsvortrag:
Mickaëlle Provost (Universität Brüssel): A Phenomenology of Political Resistance
The aim of this presentation is to explore the possibility of a phenomenological elucidation of collective experience, in particular that of political emancipation. How can we describe from a phenomenological perspective the phenomenon of conscientization of power relations or collective subjectivity? If the collective experience of assembly, revolt or even insurrection is not simply the aggregation of individual experiences, but includes its own mode of appearance, is phenomenology capable of dealing with the social reality of the collective insofar as it is not confused with intersubjectivity? What can a critical phenomenological approach specifically contribute to emancipation thinking, in a close and sometimes tense dialogue with Marxist theorisations of the social world? In order to explore these points of tension between the social, intersubjectivity, the collective and political emancipation, I would like to propose a cross-reading of the thoughts of Sartre, Merleau-Ponty and Fanon with a view to clarifying the project of a phenomenology of resistance.
Focusing on Husserl’s method of historical reflection (Besinnung), the paper opens with a careful explication of one of these method’s core facets, namely its capacity to perform a qualitatively distinctive kind of reorientation (Umwendung) toward the sedimented sense institutions (Sinnstiftungen) conditioning sense-making (Sinnbildung). This re-orientational work, which makes the method of Besinnung as transcendental sense clarification (Sinnesklärung) possible, involves a reflective distancing from the sedimented thickness of our present – a distancing that loosens the hold of this pre-givenness while remaining anchored in it. It is precisely this ‘anchored yet not moored’ re-orientational distancing that motivates and guides the eidetic analysis in its focus on the a priori of correlation under investigation. What emerges is a manifold affair: 1) a horizonal overview of modal articulations (systems of lived possibilities and impossibilities pertaining to the respective attitude or register); 2) the norms, goals, and values undergirding these articulations as their principles of de-limitation; and 3) the fissures where other kinds of possibilities of being, doing, and knowing may emerge as possibilities for us. However, more transpires here, namely, a reframed explication of transcendental necessity in its relation to normalized contingency. This, in turn, brings into relief both the provisionality and critical self-referentiality of phenomenological work as infinite task and its relevance for our personal and communal lives. Doing phenomenology leaves traces in the concrete. This becomes especially telling in times of crisis – times in which our everyday experience of possibilities and impossibilities ossifies, becomes absorbed in and numbed by the given. If, following Husserl, we conceive of critique as radical reflection on our present situation with an eye for generating realizable possibilities of renewal, then critique is never timelier than in times of crisis.
Phenomenology and Marxism are linked as intellectual-spiritual (geistige) and socio-economic crisis. The reason for Husserl’s suggestion that the life sciences may point beyond the crisis of the sciences is that all humans have the experience of life through themselves as embodied kinaesthetic unities. From Marx, kinaesthetic unity may be extended to include the manipulation of tools. The ontology of the lifeworld thus derived will be expanded by comparison to Lukács late ontology of labour. The earth stands as a deep grounding concept of the lifeworld that allows for the constitution of the plurality of cultural-civilizational worlds which give different meanings to things, have different customs and pasts, on this ground. On this basis, we suggest that phenomenology must address a fourth stage of crisis and critique beyond that of Husserl’s work and also supplement the concept of institution with destitution.
The Covid-19 pandemic had given hope for a new era based on solidarity, interdependence, respect for nature and a pluralistic and inclusive conception of democracy that would take care of the most vulnerable among us. However, the current rise of nationalism and (commercial, ideological or military) wars reflects a crisis of humanity's spiritual sense and vocation, while the resurgence of identity issues and the immune paradigm (Esposito) testify to an inability to foster solidarity and welcome the vulnerable other. The question of spiritual individuation and that of health have therefore been reinvested in the context of a paradoxical social and political mobilization that this presentation will seek to analyze from a phenomenological point of view, by questioning, in particular, the relations between vulnerability and solidarity.
Wie ist Husserls Krisis–Schrift einzuordnen? Als sinn- und wissenschaftshistorische Abhandlung oder doch als Krisendiagnose, welche die Philosophie ernstlich zum Handeln drängt? Der Vortrag folgt dieser Frage und wirft dabei nicht zuletzt einen Blick auf die Krisensemantik unserer aktuellen Gegenwart, der wir u.a. das Stichwort der „Polykrise“ verdanken. Eine Krise oder aber viele Krisen? Husserls Antwort auf diese wäre wohl eine eindeutige, aber keine einfache gewesen.
Husserl’s later works are widely recognized as shaped by a growing awareness of a scientific and cultural crisis—one deeply rooted in the aftermath of the First World War and the perceived collapse of European values. Yet, Husserl understood this crisis in broader terms, as symptomatic of the entire trajectory of modernity. Science, in his view, had not only fragmented but had also become incapable of addressing fundamental normative questions about human existence. This presentation explores the emergence of historical critique in Husserl’s late philosophy as a response to this crisis. It examines how his post-WWI conception of philosophy as a generative idea—developing within the historical lifeworld across generations—necessitated a shift in the foundations of phenomenology. Departing from his earlier emphasis on the “presuppositionlessness” of phenomenology, Husserl came to see the critique of historical presuppositions as essential to a responsible philosophical stance. Only through such critique, he argued, could philosophy be conceived as a shared and infinite task. This shift, however, required a rethinking of both the concept of teleology and the narrative of modernity itself.
Die menschliche Körperlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Tatsache, dass wir einen Körper haben und sterblich sind. Sie ist « der ständige Zweifel an dem Privileg, das man dem Bewusstsein zuschreibt, allem einen Sinn zu verleihen», wie Levinas in Totalität und Unendlichkeit schrieb. Mit anderen Worten: Die Körperlichkeit des Subjekts ernst zu nehmen bedeutet, Phänomene zu beschreiben, die sich unserer Kontrolle und unserem Willen entziehen oder die unsere Unabhängigkeit gegenüber Natur und anderen Lebewesen unterstreichen. Statt als Ausgangspunkt unserer Beziehung zu uns selbst, zu den Anderen und zur Welt zu gelten, wird unser Bewusstsein überwältigt oder als nicht allein grundlegend für den Menschen erlebt. Dazu kommt, dass die Existenz nicht nur als Selbstentäußerung gedacht wird, sondern als Empfänglichkeit. Ihre Materialität wird auch betont. So erneuert die Philosophie der Körperlichkeit die Anthropologie, indem sie auf der Verletzlichkeit des Subjekts, auf unserem Bedürfnis nach Nahrung und Wasser und auf unsere irdische Beschaffenheit beruht. Diese Philosophie der Körperlichkeit hat also zwei Komponente: Die Verletzlichkeit, die von unserer Passivität zeight, und die Philosophie des “leben von”. Ich werde die ethischen und politischen Implikationen dieser Philosophie der Körperlichleit und des „leben von“ aufzeigen, die einem neuen Phänomenologie des Bewohnens der Erde und einer Ökophenomenologie entspricht. Sobald man die Materialität unserer Existenz und unsere Abhängigkeit gegenüber Natur und anderen Lebewesen ernst nimmt, dann versteht man, dass der Schutz der Biosphäre und die Gerechtigkeit gegenüber der Tieren zur wesentlichen Pflichten des Staates werden. Diese Art, Ökologie im Mittelpunkt eines politischen Projekts zu stellen, spiegelt einen tiefgreifenden Wandel wider.
Der Vortrag identifiziert zunächst vier fundamentale Krisentendenzen der spätmodernen Gesellschaft: Eine ökonomische Krise, die darin besteht, dass Wachstum und Beschleunigung für die Aufrechterhaltung der sozioökonomischen Strukturen unverzichtbar sind, aber immer mehr Energie erfordern und sich immer schwieriger realisieren lassen; eine daraus resultierende ökologische Krise; eine politische Krise, die sich im Niedergang westlicher Demokratien und in der Rückkehr des Krieges zeigt; und schließlich eine psychologische Krise, die in wachsenden Burnoutraten zum Ausdruck kommt. Alle diese Krisen lassen sich in einer objektivistisch-strukturellen Perspektive als Konsequenzen daraus erklären, dass die Sozialformation der Moderne auf den Modus dynamischer Stabilisierung gegründet ist, sich also nur durch stetige Steigerung institutionell zu erhalten vermag. Diese Erklärung beschreibt jedoch nur die eine, die strukturelle Seite der gegenwärtigen Krisenlage. Erst aus der Perspektive der ersten Person, mithin aus phänomenologischer Sicht, zeigt sich, dass alle vier Krisentypen zugleich eine fundamentale Störung in den spätmodernen Mustern der Weltbeziehung anzeigen: Sie sind (auch) das Resultat eines kulturell verankerten und subjektiv habitualisierten Grundverhältnisses zur Welt, das auf Verfügbarmachung zielt und als existentiellen Grundmodus eine Aggressionsbeziehung zur Natur (Ökokrise), zu anderen Menschen (Politische Krise) und zu uns selbst (Psychokrise) erzeugt. Der Vortrag plädiert daher für einen ‚perspektivischen Dualismus‘ in der Gesellschaftsanalyse, der die Perspektiven der ersten und dritten Person zusammenführt, und endet mit einem Vorschlag dafür, wie ein alternatives Weltverhältnis (und damit eine andere Sozialformation) zu denken wäre.
Seit Habermas im Jahr 2001 von einer „postsäkularen Gesellschaft“ — und damit die westeuropäische gemeint hat — sprach, ist es möglich, eine von der Religion losgelöste Welt zu denken. Alle Systeme der westlichen Gesellschaft basieren auf Grundlagen, die keine Spur der Religion mehr enthalten (höchstens historische Information, die nichts mit gelebter Religion zu tun hat) und daher als „banal“ bezeichnet werden können. Die Frage ist, ob bestimmte Systeme dieser Gesellschaft nicht — mit oder ohne Wissen — von der Religion abhängig sind. Das gilt nach Hegel für den „absoluten Geist“, d.h. für die Dreiheit von Religion, Kunst und Philosophie. Denn nach der „Enzyklopädie“ (1830) sei es die „Religion“, „wie diese höchste Sphäre [der absolute Geist] im allgemeinen bezeichnet werden“ (§ 554) solle. Mein Vortrag wird versuchen, zu zeigen, inwiefern die Ablösung des gesamten Bereichs von Wissenschaft und Bildung von der Religion nicht nur diesen Bereich selbst, sondern in letzter Konsequenz das Verständnis der „Krise“ selbst zerstört. Das Erste, was sich daher in einer „Krise“ befindet, ist die Erfahrung, dass das Leben selbst — als ein vom Ernst der Religion betroffenes — eine Krise ist. Dadurch entleert sich der Begriff der „Krise“ zu einer bloßen Redensart.
Every day, each of us, all of us, conspire in the shameful secret of our contemporary lifeworld and fomenting of slow disasters, the sense and significance of which will far exceed and outstrip our own existence. The numbers are seldom cited, even more rarely reflected upon: around 400 million tonnes of plastic waste produced globally each year, 5,000 kinds of so-called „forever chemicals,“ and, most exceptionally, high level nuclear waste — the most lethal of which would need to be securely stored for upwards of one-million years, or 30,000 human generations, longer, in other words, than the probable existence of our species. No human activity today remains unsullied by the prodigious and profligate production waste, trash, and pollution — the unthought of our contemporary life-worlds. What characterizes this planetary disaster is the future worlds and those yet unborn, which we have already colonized with the relics and remains of our own consumptive existence. If the crisis is thus, in a salient sense, elsewhere, not yet (fully) now — in and of the future — is a critique of the present possible, indeed, feasible, even as it would seem to be more urgent and necessary than ever? Will any critique invariably miss the mark — either too late or too early — for a slow disaster that cannot yet be fully grasped, and hence, written, let alone altered, given our implacable consumption of the world, indeed, of the future of futures? Is our misery that we are faced by burning ecological disasters in the making in a time when it has become materially impossible to make even heard a questioning of our wasteful and wanton dogmatism? These are the questions I seek to address under the heading of an ethics for endangered futures in the age of homo detritus.
Husserl in his late thinking believes strongly that the model of rational culture developed in Europe deserves being recommended to the whole world. How the non-European should evaluate such an appeal? Some questions have to be analyzed before giving answers. 1. What is the substantial content of rational culture? 2. Does Husserl’s position have the implication of Eurocentrism? 3. In case the Eurocentrism is obvious, how can it be undermined? Is there an alternative position in Husserl’s phenomenology? An interpretation through the relationship between phenomenological psychology and transcendental phenomenology is proposed in order to answer this question.
Der Preisträger des DGPF Essaypreises 2025 ist Nils Neuhaus (TU Berlin). Er hat die Jury des Beirats der Gesellschaft mit seinem Essay „Vom Organismus zur Utopie“ überzeugt. Herr Neuhaus wird seinen Essay bei der Preisverleihung im Rahmen der Tagung vorstellen.
Ausschreibung (wird in neuem Tab geöffnet)
Das Registrierungsformular für die DGPF-Tagung 2025 finden Sie über den untenstehenden Link. Bitte laden Sie das Formular herunter, füllen Sie es vollständig aus und senden Sie es anschließend per E-Mail an die offizielle Tagungsadresse. So stellen Sie sicher, dass alle Informationen direkt an das Organisationsteam übermittelt werden. Alle für Sie relevanten Informationen entnehmen sie dem Registrierungsformular.
Die Registrierung ist lediglich bis zum 09. September möglich.
Für die Empfänge nach den Abendvorträgen am Mittwoch und Freitag und die Party am Donnerstagabend gibt es neben der regulären Registrierung für die Tagung auch die Option einer „Abendkarte“ für 30 EUR (45 EUR für Nicht-DGPF-Mitglieder). Kontaktieren Sie dafür bitte das Kongressbüro unter krisisundkritik2025@phil.tu-….
Anreise:
Die Tagung findet im Wissenschaftsschloss im Herzen Darmstadts statt. Für Ihre Anreise stehen Ihnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:
Vom Hauptbahnhof Darmstadt:
Nach Ihrer Ankunft am Darmstädter Hauptbahnhof erreichen Sie das Wissenschaftsschloss in wenigen Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Direkt am Ausgang des Bahnhofs finden Sie zahlreiche Straßenbahn- und Buslinien, die Sie unkompliziert zur Haltestelle „Schloss“ bringen. Besonders geeignet sind:
- Straßenbahnlinien 2 (Richtung Böllenfalltor) und 3 (Richtung Lichtenbergschule)
- Buslinien H (Richtung Alfred-Messel-Weg), K (Richtung TU-Lichtwiese/Mensa), F (Richtung Oberwaldhaus), sowie weitere Linien.
Die Fahrzeit beträgt nur etwa fünf bis zehn Minuten. Alternativ können Sie auch bis „Luisenplatz“ fahren; von dort sind es nur wenige Gehminuten zum Wissenschaftsschloss.
Vom Flughafen Frankfurt am Main:
Vom internationalen Flughafen Frankfurt gelangen Sie bequem mit dem AirLiner-Direktbus nach Darmstadt. Der AirLiner fährt im 30-Minuten-Takt und benötigt etwa 30 Minuten bis Darmstadt. Ihre Ausstiegshaltestelle ist „Kongresszentrum Darmstadt“, die sich direkt am Wissenschaftsschloss befindet. Bitte beachten Sie, dass der AirLiner aktuell nur Terminal 1 am Flughafen anfährt; für Terminal 2 steht ein kostenloser Shuttlebus zur Verfügung, der alle 10 bis 15 Minuten zwischen den Terminals pendelt.
Tickets für den AirLiner sind zuschlagpflichtig und können direkt im Bus bargeldlos erworben werden.
Adresse für Ihr Navigationssystem:
Wissenschaftsschloss / darmstadtium
Schlossgraben 1
64283 Darmstadt
Wir wünschen Ihnen eine angenehme und entspannte Anreise!
Hotels:
Wir haben für die Tagung folgende Zimmerkontingente reserviert. Bitte beachten Sie die Stornierungsbedingungen, die Sie bei uns oder direkt in den Hotels erfragen können.
Welcome Hotel
· 135€ pro Nacht von 22.-26.09. bzw. 113€ von 26.-28.09. (jeweils plus 2% CityTax)
· Buchung zu diesem Preis bis 25.08.
· Buchung auf Stichwort „DGPF 2025“ per Email an dar.reservierung@welcome-hotels.com oder über Buchungslink: Zur Hotelbuchung
Best Western Plus Plaza
· 127€ pro Nacht plus 2% CityTax von 24.-27.09.
· Buchung zu diesem Preis bis 30.07.
· Buchung auf Stichwort „DGPF 2025“ per Email an reservierung@darmstadt.plazahotels.de
Best Western Darmstadt Mitte
· 109€ pro Nacht plus 2% CityTax von 24.-27.09.
· Buchung zu diesem Preis bis 22.08.
· Buchung auf Stichwort „DGPF 2025“ telefonisch (+49 (0)6151-2810-0) oder Email an info@hotel-darmstadt.bestwestern.de
Maritim Hotel
· 87€ pro Nacht plus 2% CityTax von 23.-27.09.
· Buchung zu diesem Preis bis 29.07.
· Buchung ausschließlich über Link: Zur Hotelbuchung
So kommen Sie zur Schader-Stiftung
Der Abendvortrag am Freitag findet im Campus der Schader-Stiftung statt.
Goethestr. 2
64285 Darmstadt
Mit Straßenbahnlinie 3 von der Haltestelle Schloss Richtung Lichtenbergschule bis Haltestelle Goethestraße. Alternativ ist es ein ungefähr 20-minütiger Spaziergang.
Wegbeschreibung Schader Stiftung (wird in neuem Tab geöffnet)
Für die Tagung steht Ihnen eine interaktive Google Maps-Karte zur Verfügung. Auf dieser Karte sind Restaurants, Supermärkte und Apotheken in der Nähe des Tagungsortes eingetragen.
So funktioniert es:
- Klicken Sie auf den bereitgestellten Link.
- Die Karte öffnet sich automatisch auf Ihrem Smartphone oder Computer in Google Maps.
- Über die Symbole auf der Karte können Sie Adressen abrufen oder sich die Wegbeschreibung anzeigen lassen.
Es ist kein eigenes Google-Konto erforderlich.
Karte (wird in neuem Tab geöffnet)
Für Fragen und Anliegen steht Ihnen unser Organisationsteam gerne zur Verfügung:
- Präsidentin: Prof. Dr. Sophie Loidolt
E-Mail: sophie.loidolt@tu-…
- Generalsekretär: Dr. Gerhard Thonhauser
E-Mail: info@phaenomenologische-forschung.de
- Kongressbüro: Lukas Westphal
E-Mail: krisisundkritik2025@phil.tu-…