75 Jahre „Bauen Wohnen Denken“

Interdisziplinäre Perspektiven auf das „Darmstädter Gespräch„ 1951



Die „Darmstädter Gespräche“ waren eines der zentralen Formate intellektuellen Austauschs nach 1945. Besondere Bedeutung kommt dem „Gespräch„ im Jahr 1951 zu. Unter dem Titel „Mensch und Raum“ wurde der Versuch gemacht, Philosophie und Architektur angesichts der Zerstörungen der Nachkriegszeit ins Gespräch zu bringen.

Das Gespräch thematisiert die Frage nach dem Wie des Wiederaufbaus in doppelter Weise. Eine Architekturausstellung auf der Mathildenhöhe präsentierte im August und September eine Vielzahl an Bauten der klassischen Moderne (u.a. von Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Le Corbusier) und stellte die Planungen für Neubauten öffentlicher Gebäude vor, die elf sogenannten „Darmstädter Meisterbauten„ (u.a. von Paul Bonatz, Hans Schwippert, Max Taut und Ernst Neufert). Von diesen sind fünf realisiert worden und noch heute in Benutzung. Der intellektuelle Austausch selbst konzentrierte sich auf zwei Tage und war um vier längere Vorträge organisiert, die sich auf Grundfragen der Architektur richteten: es sprachen die Architekten Otto Ernst Schweizer und Rudolf Schwarz sowie die Philosophen José Ortega y Gasset und Martin Heidegger, jeweils gefolgt von ausführlichen und in Gesprächsprotokollen dokumentierten Aussprachen (Bartning 1952).

Während das Gespräch zwischen den anwesenden Architekten von Kritik und freundlicher Polemik geprägt war, war die Resonanz auf die philosophischen Beiträge begrenzt, lediglich Dolf Sternberger griff Heideggers Vortrag direkt an. Heideggers Entscheidung, einen Schwarzwaldhof als Beispiel für eine gelungene (wenn auch „gewesene“) Wohnform zu präsentieren, steht im starken und offenbar bewusst gewählten Kontrast zu den auf der Ausstellung gezeigten Entwürfen der Klassischen Moderne, die mit modernsten Techniken und Materialien dem Wohnen und Arbeiten in der Stadt dienen sollten. Dass Heideggers „Bauen Wohnen Denken„ seine Zeitgenossen provozierte, tat der kritischen Rezeption des Vortrags jedoch keinen Abbruch. An seiner Wirkung gemessen kann Heideggers Beitrag zum „Darmstädter Gespräch“ zweifellos als der wichtigste Beitrag eines Philosophen zur Architekturtheorie im 20. Jahrhundert gelten, der eine immense Wirkungsgeschichte besitzt.

Die Tagung fragt aus Anlass des 75. Jubiläums nach der philosophischen Bedeutung, der Wirkungsgeschichte und der Aktualität des Darmstädter Gesprächs über „Mensch und Raum". Die interdisziplinäre Tagung umfasst Beiträge aus der Philosophie, der Architekturwissenschaft und -geschichte und bezieht auch Praktiker der Architektur ein.

Programm

Donnerstag, 28. Mai 2026
10:00 – 10:15 Tobias Keiling, Sophie Loidolt, Gerhard Thonhauser
Begrüßung und Einleitung
Panel 1
10:15 – 11:15 Alfred Nordmann: Sehnsucht nach den leichten Dingen
11:30 – 12:30 Andrew Huddleston: Heidegger on Dwelling and the Task of the Arts
Mittagspause
Panel 2
14:00 – 15:00 Tobias Keiling: Was heißt Wohnen?
15:15 – 16:15 Ingvild Torsen: Measures for Living
Freitag, 29. Mai 2026
Panel 3
09:30 – 10:30 Martin Düchs: Architektur vor dem Darmstädter Gespräch 1951: eine Spurensuche zu Inspirationsquellen von "Bauen Wohnen Denken“
10:45 – 11:45 Adam Sharr: Architecture after the Darmstädter Gespräch 1951: Heidegger, Scharoun, Theory and Practice
12:00 – 13:00 Felix Waechter: Das Potenzial der Natur als Ressource des Wohnens
Mittagspause
Panel 4
14:30 – 15:30 Christian Illies: Wie wohnlich darf’s denn sein? Ethische Anfragen an Heidegger
Kaffeepause
15:45 – 16:45 Sandra Meireis: habiter | habitat – zur Geschichte und Gegenwart eines Konflikts
Abschlussrunde



Planung und Organisation: Andreas Großmann, Tobias Keiling, Sophie Loidolt, Gerhard Thonhauser

Raum: S312/11 in den Arkaden des Wissenschaftsschlosses Darmstadt

Für den Besuch der Veranstaltung ist keine Anmeldung erforderlich.