Ringvorlesung: Was wurde aus dem Unbewussten?

Ringvorlesung des Instituts für Philosophie Wintersemester 2026/27
mittwochs 18:05 Uhr
Großer Hörsaal im Schloss (S313/30)



Gasthörer:innen sind herzlich willkommen!



Nach den grundstürzenden seismischen Effekten der Freud'schen Psychanalyse für das Denken im 20. Jahrhundert – mit der Integration verschiedenster Impulse auch weiterer psychoanalytischer Autorinnen und Autoren in Theorien des Individuums, der Kultur und in die Philosophie generell – ist es in den letzten Jahren und Jahrzehnten in wissenschaftlichen Debatten zumindest deutlich leiser um die Psychoanalyse geworden.

Sowohl die radikalisierte Psychoanalyse-Versionen Wilhelm Reichs, Karen Horneys oder Jacques Lacans als auch der Freudomarxismus eines Erich Fromm oder eines Herbert Marcus, die Antipsychiatrie eines Ronald D. Laing oder die kritischen Freud-Rezeptionen des Poststrukturalismus – von Gilles Deleuze und Félix Guattari über Jean-François Lyotard bis zu Luce Irigaray – sind historisch geworden. Wird diese Art der Theoriebildung in der Philosophie heute überhaupt noch gelesen? Wird sie gelehrt? Und falls nicht mehr: woran mag das liegen? Schlug Foucaults Destruktion der Psychoanalyse – Stichwort Geständniszwang – derart durch, dass es jedenfalls in der Theoriebildung keinen Glauben an eine Tiefenhermeneutik des „Ich„-Subjekts mehr gibt? Oder ist es der Naturalismus der Hirnforschung, an dem das komplexe Konzept einer intersubjektiv angelegten Talking Cure einschließlich einer „Übertragung“ zerbrach?

Man kann natürlich auch die umgekehrte Frage stellen: Ist denn die Ära psychoanalytisch inspirierter Theoriebildung überhaupt zuende oder erleben wir nicht doch deren Fortbestand oder sogar Renaissancen? So kann Slavoj Žižek sicher als Parteigänger freudomarxistischer Thesen gelten, und auch Judith Butler referenziert zunehmend auf Freud.

Die Ringvorlesung will das Nachleben psychoanalytischer Konzepte und psychoanalytisch inspirierter Theoriebausteine des 20. Jahrhunderts erkunden. Leben Freuds Topologie, leben seine Kulturtheorie oder mindestens Schlüsselkonzepte und vielleicht auch das Paradigma des Unbewussten oder der Unbewusstheit fort? Ebenso geht es vielleicht nicht um das Nachleben, aber doch um die Aktualität von Psychoanalysekritik. Ist alles schon gesagt, oder ist noch kritische Historisierung zu leisten?

21.10 Dieter Thomä (St. Gallen) Väter, Brüder, Homosexuelle. Politik und Geschlecht bei Freud und heute
28.10 Thomas Weitin (Darmstadt) Vermessen. Dem Unbewussten auf die Spur kommen
04.11. Roman Yos (Wuppertal) Habermas rehabilitiert Freud. Eine werk und wirkungsgeschichtliche Spurensuche
11.11. Petra Gehring (Darmstadt) Morgens alles vergessen? Zum Verbleib der Träume
18.11. Viet Anh Nguyen Duc (Darmstadt) Naturverstrickung. Von der Sehnsucht, nicht mehr ich zu sein
25.11. Dirk Rustemeyer (Trier/Witten) Ars poetica , oder Ewigkeit im Augenblick
02.12. Andreas Kaminski (Darmstadt) Unbewusste Vernunft. Psychoanalytische Herausforderungen für den Begriff der Praxis
09.12. Gerhard Thonhauser (Darmstadt) Der Leib spürt und tut, was ich nicht weiß. Eine politische Phänomenologie des Unbewussten
16.12. Carsten Dutt (Darmstadt) Hermeneutik nach der Psychoanalyse
13.01. Susanne Lüdemann (München) Vom Unbewussten her. Jacques Derrida, die Philosophie, die Psychoanalyse
20.01. Sophie Loidolt (Darmstadt) & Dan Zahavi (Kopenhagen) Vienna Connections: Brentano Freud Husserl
27.01.
Jens Kertscher (Darmstadt) Wittgenstein und die Wirklichkeit „des Unbewussten“ Mythologie oder Wissenschaft?
03.02. Marcus Düwell (Darmstadt) Das Unbewusste und das praktische Selbstverständnis des Menschen
10.02. Thomas Bedorf (Hagen) Zum Nachleben des „Konzepts“ der Nachträglichkeit in der französischen Philosophie