Nach den grundstürzenden seismischen Effekten der Freud'schen Psychanalyse für das Denken im 20. Jahrhundert – mit der Integration verschiedenster Impulse auch weiterer psychoanalytischer Autorinnen und Autoren in Theorien des Individuums, der Kultur und in die Philosophie generell – ist es in den letzten Jahren und Jahrzehnten in wissenschaftlichen Debatten zumindest deutlich leiser um die Psychoanalyse geworden.
Sowohl die radikalisierte Psychoanalyse-Versionen Wilhelm Reichs, Karen Horneys oder Jacques Lacans als auch der Freudomarxismus eines Erich Fromm oder eines Herbert Marcus, die Antipsychiatrie eines Ronald D. Laing oder die kritischen Freud-Rezeptionen des Poststrukturalismus – von Gilles Deleuze und Félix Guattari über Jean-François Lyotard bis zu Luce Irigaray – sind historisch geworden. Wird diese Art der Theoriebildung in der Philosophie heute überhaupt noch gelesen? Wird sie gelehrt? Und falls nicht mehr: woran mag das liegen? Schlug Foucaults Destruktion der Psychoanalyse – Stichwort Geständniszwang – derart durch, dass es jedenfalls in der Theoriebildung keinen Glauben an eine Tiefenhermeneutik des „Ich„-Subjekts mehr gibt? Oder ist es der Naturalismus der Hirnforschung, an dem das komplexe Konzept einer intersubjektiv angelegten Talking Cure einschließlich einer „Übertragung“ zerbrach?
Man kann natürlich auch die umgekehrte Frage stellen: Ist denn die Ära psychoanalytisch inspirierter Theoriebildung überhaupt zuende oder erleben wir nicht doch deren Fortbestand oder sogar Renaissancen? So kann Slavoj Žižek sicher als Parteigänger freudomarxistischer Thesen gelten, und auch Judith Butler referenziert zunehmend auf Freud.
Die Ringvorlesung will das Nachleben psychoanalytischer Konzepte und psychoanalytisch inspirierter Theoriebausteine des 20. Jahrhunderts erkunden. Leben Freuds Topologie, leben seine Kulturtheorie oder mindestens Schlüsselkonzepte und vielleicht auch das Paradigma des Unbewussten oder der Unbewusstheit fort? Ebenso geht es vielleicht nicht um das Nachleben, aber doch um die Aktualität von Psychoanalysekritik. Ist alles schon gesagt, oder ist noch kritische Historisierung zu leisten?
| 21.10 | Dieter Thomä (St. Gallen) | Väter, Brüder, Homosexuelle. Politik und Geschlecht bei Freud und heute |
| 28.10 | Thomas Weitin (Darmstadt) | Vermessen. Dem Unbewussten auf die Spur kommen |
| 04.11. | Roman Yos (Wuppertal) | Habermas rehabilitiert Freud. Eine werk und wirkungsgeschichtliche Spurensuche |
| 11.11. | Petra Gehring (Darmstadt) | Morgens alles vergessen? Zum Verbleib der Träume |
| 18.11. | Viet Anh Nguyen Duc (Darmstadt) | Naturverstrickung. Von der Sehnsucht, nicht mehr ich zu sein |
| 25.11. | Dirk Rustemeyer (Trier/Witten) | Ars poetica , oder Ewigkeit im Augenblick |
| 02.12. | Andreas Kaminski (Darmstadt) | Unbewusste Vernunft. Psychoanalytische Herausforderungen für den Begriff der Praxis |
| 09.12. | Gerhard Thonhauser (Darmstadt) | Der Leib spürt und tut, was ich nicht weiß. Eine politische Phänomenologie des Unbewussten |
| 16.12. | Carsten Dutt (Darmstadt) | Hermeneutik nach der Psychoanalyse |
| 13.01. | Susanne Lüdemann (München) | Vom Unbewussten her. Jacques Derrida, die Philosophie, die Psychoanalyse |
| 20.01. | Sophie Loidolt (Darmstadt) & Dan Zahavi (Kopenhagen) | Vienna Connections: Brentano Freud Husserl |
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27.01. |
Jens Kertscher (Darmstadt) | Wittgenstein und die Wirklichkeit „des Unbewussten“ Mythologie oder Wissenschaft? |
| 03.02. | Marcus Düwell (Darmstadt) | Das Unbewusste und das praktische Selbstverständnis des Menschen |
| 10.02. | Thomas Bedorf (Hagen) | Zum Nachleben des „Konzepts“ der Nachträglichkeit in der französischen Philosophie |